17. Jahrhundert

#5 | Wetterfahne des Rathauses

Audio
Wetterfahne des Rathauses
00:00

Wer sich die Wetterfahne auf dem Marburger Rathaus ansieht, stellt fest, dass die Lanze des Reiters nicht in die Richtung zeigt, in die der Wind weht, sondern in die, aus der der Wind kommt. Das war nicht immer so. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts schmückte eine andere Wetterfahne das Rathaus.

Als im Jahr 1663 der Glockenturm auf dem Marburger Rathaus wieder aufgebaut wurde, nutzten Hans Georg Sauer und Hans Philipp Alt die Gelegenheit, sich hoch über der Stadt ein Denkmal zu setzen. Sauer war damals Oberbaumeister, Alt Unterbaumeister. Schon die Stange der Fahne mit Ranken, Stern und einer „Bekrönungsblume“ ist auffällig. Im Textfeld erkennt man das „Gemerke“ der Stadt Marburg, das verschnörkelte M – heute würde man es ein Logo nennen. Darunter sieht man die Initialen von Ober- und Unterbaumeister: HGS und HPA.

Am auffälligsten ist der Reiter. Sein Hut oder Helm hat eine aufwärts gebogene Krempe. Es könnte sich um eine etwas groß geratene Sturmhaube handeln, wie sie die einfachen Soldaten trugen. Und er scheint einen runden Schild zu tragen, eine „Tartsche“. Die gehörte im 17. Jahrhundert ebenfalls zur Ausrüstung einfacher Soldaten. Wenn man ihn mit Abbildungen aus dem Dreißigjährigen Krieg vergleicht, kann der Reiter eigentlich nur ein leicht bewaffneter „berittener Pikenier“ sein. Sie wurden auch „Dragoner“ genannt. Die Dragoner durchkämmten im Dreißigjährigen Krieg das Land. Sie raubten Lebensmittel und Vieh, verwüsteten die Felder, vergewaltigten und töteten.

Hans Georg Sauer und Hans Philipp Alt gehörten 1663 einer Generation an, die die Welt länger im Krieg als im Frieden gesehen hatte. Beide hatten die bitteren Jahre des „Hessenkrieges“ erlebt, als der Dreißigjährige Krieg mit all seinem Blutvergießen und seiner Zerstörung auch nach Marburg kam. 1624 musste Hessen-Kassel den Landgrafen von Hessen-Darmstadt Oberhessen und Marburg überlassen. 1645 war Hessen-Kassel wieder im militärischen Vorteil, belagerte Marburg und eroberte die Stadt zurück. 1647 kamen die Darmstädter zurück und eroberten Marburg erneut. Dabei flogen Kanonenkugeln von der Festung in die Stadt.

Eine traf das Hauptquartier der Belagerer im Stadthof am Grün. Der verwundete Befehlshaber gab die Stadt seinen Soldaten zur Plünderung frei. Am Ende des Krieges war auch Marburg ziemlich am Ende. Sollten zwei Männer mit diesen bitteren Erfahrungen wirklich einen Dragoner als Zeichen auf die Wetterfahne des Rathauses gesetzt haben? Oder war es Spott über den bewaffneten Räuber, der sein Fähnlein nach dem Wind dreht? Und eine Erinnerung an die schwere Zeit, als der große Krieg über die Marburger hinweg ritt?

Gebärdensprachenvideo zur Wetterfahne des Rathauses (mit Untertiteln).