18. Jahrhundert

#6 | Garnisonssoldat

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Garnisonssoldat
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Viele Jahre bewachte der Holzsoldat die 16.000 Bücher umfassende Bibliothek des berühmten Marburger Medizinprofessors Ernst Gottfried Baldinger. Doch das war gewissermaßen schon sein Ruhestand. Eigentlich war es seine Aufgabe, bei der Rekrutierung echter Soldaten zu helfen. Die Figur trägt gelbe Hosen, einen blauen, mit roten Borten abgesetzten Uniformrock und schwarze Gamaschen. Daran kann man erkennen, dass er einen Soldaten des Regiments „Erbprinz Hessen-Hanau“ darstellt. Die Figur ist daher mindestens 240 Jahre alt. Und sie war Teil eines Phänomens, das man als groß angelegten Betrug deuten kann.

Denn der Holzsoldat stand einst auf den Marktplätzen der Städte, vor Landgasthöfen und manchmal auch an den Zollschranken Hessens. Mit seinem schmucken Aussehen sollte er die jungen Männer blenden. Lehrlinge, Bauernburschen oder Handwerksgesellen sollten glauben, dass auch sie so sauber und gesund aussehen könnten, wenn sie sich als Soldaten anwerben lassen. Doch so war es nicht. Wenn sie erst einmal Soldaten waren, wurde ihnen bei jeder Gelegenheit Gehorsam eingeprügelt. Und auch der Sold war knapp. Kein Wunder, dass ein Viertel der angeworbenen Soldaten so bald wie möglich desertierte.

Im Zeitalter des Absolutismus sammelten manche Fürsten gewissermaßen Soldaten und verbrachten ihre Zeit damit, sie exerzieren zu lassen. Man nannte das tatsächlich: Soldatenspielerei. Aber nicht alle hessischen Landgrafen nutzten ihre Soldaten als bloße Paradesoldaten. Die damalige Kriegsführung forderte enorm viele Todesopfer. Da galt es, immer neue Ersatztruppen zu haben. Das Leben der einzelnen Soldaten bedeutete den Herrschenden nicht viel. Einen Wert hatte es für sie aber doch, denn die kleineren Fürsten vermieteten ihre Soldaten an kriegführende Länder und Könige. Zwischen 1677 und 1815 schlossen allein die Landgrafen von Hessen-Kassel 37 solche Verträge. Landgraf Wilhelm der VIII. brachte es sogar fertig, im Österreichischen Erbfolgekrieg hessische Untertanen an beide Parteien zu verkaufen.

Immer weniger junge Männer fielen auf die Werber und die Holzsoldaten herein. Friedrich II., Landgraf von Hessen-Kassel, ließ deshalb junge Männer auch mit Gewalt in seine Armee zwingen. Dann vermietete er sie an England, das sie gegen die Amerikaner einsetzte.

Der „arbeitslose“ Holzsoldat jedoch landete schließlich bei dem Medizinprofessor, der seine Karriere als Militärarzt begonnen hatte. Und heute kann man den hölzernen Zeitzeugen im Marburger Schloss besuchen.

Gebärdensprachenvideo zum Garnisonssoldat (mit Untertiteln).