Soldatentum & Gelehrsamkeit

Gebetsriementasche

Hessen (Nordeck), 1763/64 | Samt, Gold- und Silberfäden, Kattun

Aus dem Leben eines oberhessischen Landjuden

Als Geschenk zur Bar Mizwa sollte diese Tasche einem jungen Mann Glück bescheren. In großen Lettern stehen die Buchstaben mem und tet, eine Abkürzung für Mazal tov (hebräisch »Viel Glück«), auf der Vorderseite der Hülle. Darunter befinden sich der Name des Beschenkten »Chajus ben Raw Avraham Segal« sowie die Jahreszahl 5524. Dies entspricht im gregorianischen Kalender den Jahren 1763 oder 1764.

Genutzt wurde die grüne Tasche zur Aufbewahrung des Gebetsriemens, auch Tefillin genannt. Die mit Silberfäden bestickte Samthülle enthielt zwei Lederriemen mit je einer Kapsel, in denen sich auf zusammengerollten Pergamentstreifen Verse aus der Thora befanden. Im Morgengebet um Arm und Kopf geschnürt, sollte das Tefillin an die Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens durch Gott erinnern. In der vorwiegend christlich geprägten kulturhistorischen Sammlung des Landgrafenschlosses bildet die jüdische Gebetsriementasche eine Besonderheit. Bis heute ist das Leben der oberhessischen Landjuden nur wenig dokumentiert. 1876 gelangte die Samthülle aus Nordeck, das damals zum Kreis Marburg zählte, vermutlich über Ludwig Bickell in die Sammlung des Geschichtsvereins und später als Dauerleihgabe in die Museumssammlung. (SI)