14. Jahrhundert

#2 | Das Schäfersche Haus

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Das Schäfersche Haus
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Nur noch ein einziger Balken ist vom Schäferschen Haus erhalten, das 500 Jahre lang an der Adresse Neustadt 3/4 gestanden hat. Dieses Haus hat viel darüber verraten, wie im Mittelalter Fachwerkhäuser gebaut wurden. Erforscht wurde das Gebäude, das 1875 abgerissen wurde, vom damaligen Universitätsarchitekten Carl Schäfer, dessen Namen es deshalb trägt.

Erbaut wurde das Schäfersche Haus nach dem großen Stadtbrand, dem am 27. März 1319 alle hölzernen Gebäude in Marburg zum Opfer fielen. Nur rauchende Trümmer blieben übrig, aus denen die wenigen steinernen Gebäude ragten. Niemand weiß, wie viele Menschen bei diesem Brand gestorben sind. Und wer überlebt hatte, der hatte kein Dach mehr über dem Kopf. Die Überlebenden hausten in Kellern und unter Dächern aus Brettern, Gras und Lehm. Sie brauchten eines dringend: Holz, um neue Häuser zu bauen.

Doch die Stadt Marburg hatte keinen Waldbesitz, so dass es nicht leicht war, an Baumstämme zu kommen. Der Deutsche Orden, der in Marburg seinen Sitz hatte, besaß im Baltikum Wälder, aus denen Bauholz mit Schiffen ins Deutsche Reich gebracht wurden. Aber das dauerte und daher half der Landgraf aus. Teures Holz aus der näheren Umgebung wurde gekauft. Die Marburger warteten ungeduldig darauf, dass Fuhrwerke mit Holz kamen, aus denen man lange Balken herstellen konnte. Balken wie die, aus denen das Schäfersche Haus erbaut wurde.

Dessen Bausubstanz konnte Carl Schäfer erkunden, als das Gebäude abgerissen wurde. Es war ein Doppelhaus mit drei Geschossen und mit einer durchgehenden Trennwand. Zum Zeitpunkt des Abrisses lebten zwei Handwerkerfamilien darin: Die eine stellte Schuhe her, die andere Geschirre für Zugtiere. Zur Straße hin hatten sie ihre Verkaufsräume, im hinteren Teil des Hauses lagen die Werkstätten. Durch ein enges Treppenhaus kam man ins Obergeschoss mit Werkstätten und Wohnräumen. Und unter dem Dach waren wahrscheinlich Schlafzimmer. So sah es in dem meisten Marburger Häusern aus: Unten wurde gearbeitet oder gekocht, direkt daneben lagen häufig die Ställe. Und oben lebte dann die ganze Familie.

Wie ein Haus in der Zeit nach dem großen Stadtbrand ausgesehen hat, das vermittelt sehr gut das Modell vom Schäferschen Haus, das 1956 angefertigt wurde. Das Besondere am diesem Haus ist, dass es zwei Baustile miteinander verbunden hat: Weil es ein Kerngerüst aus aufrecht stehend Balken hatte, die durch alle Stockwerke gingen, war es ein sogenannter „Ständerbau”. Querbalken mit sogenannten „Stielen” und „Streben” sorgten für die Stabilität der Wände. An diesem Gerüst wurden die „Rahmen” der Geschosse befestigt. Deshalb ist es gleichzeitig auch ein „Rähmbau”.

Gebärdensprachenvideo zum Schäferschen Haus (mit Untertiteln).